7.b) Strategien der Schuldverdrängung

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7.b) Strategien der Schuldverdrängung

Beitragvon Antonia » 24. Feb 2013, 16:50

Strategien der Schuldverdrängung
Laut Freud ist Verdrängung ein Vorgang, bei dem unangenehme Erfahrungen und Erinnerungen aus dem Bewusstsein „verbannt“ werden. Sie werden im Unterbewusstsein „aufbewahrt“ und können Albträume oder in extremen Fällen psychische Probleme verursachen. Es wird versucht sie zu verarbeiten.
Schuld kann solch ein negatives Gefühl sein. Man versucht unbewusst sich durch Verdrängung zu vor dem Schuldgefühl zu schützen und belügt im Zweifelsfalle sich selbst und andere.
Hierbei gibt es verschiedene Strategien, welche ich in Bezug zum Nationalsozialismus und bezüglich der literarischen Umsetzung im Drama „Andorra“ von Max Frisch erläutern werde, in welchem der vermeidlich jüdische Junge Andri am Ende unschuldig und grundlos zum Tode verurteilt wird.
Die spätere juristische Aufarbeitung dieses fiktiven Falls wird durch regelmäßige mit „Vordergrund“ betitelte Zeugenaussagen wiedergegeben, in denen sich verschiedene Strategien der Verdrängung der eigenen Schuld erkennen lassen.
Die offensichtlichste ist die Umlagerung der Schulden auf andere oder sogar auf das Opfer. Zum Beispiel sagt ein Tischlergeselle, der Andri durch eine Lüge um seine Lehrstelle brachte später: „Ich sag ja nicht, es sei ihm recht geschehen, aber es lag auch an ihm, sonst wär`s nie so gekommen.“( Siehe Max Frisch, Andorra, Seite 36, Zeile9 f )
Um seine eigene Schuld zu vertuschen, wird oft versucht die Schuld des anderen zu finden beziehungsweise aufzudecken, um von der eigenen Schuld abzulenken.
Auch der Satz, „Ich bin nicht Schuld“ , zieht sich durch diese Zeugenaussagen. (z.B.:Seite 36, Zeile 12)
Die nächste erkennbare Strategie ist die Plädierung auf die eigene Unwissenheit, welche zum Beispiel im folgenden Satz deutlich wird: „Ich hab ja nicht gewusst, dass er keiner ist, immer hat`s geheißen, er sei einer.“(Seite 58, Zeile 4)
Auch in den Nachkriegsprozessen und der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen lassen sich Schuldverdrängungsstrategien erkennen. So rechtfertigte zum Beispiel Bodo Gorgass, der zweite Arzt der NS-Tötungsanstalt Hadamar, seine Mithilfe an den NS-Morden an geistig behinderten Menschen folgendermaßen: „Lohnauer hat mir erklärt: Es besteht das Gesetz, dass unheilbaren Geisteskranken der Gnadentod gewährt werden darf. (…) Die Auswahl erfolgt mit allen wissenschaftlichen Hilfsmitteln, wofür schon die Personen, die wissenschaftlich anerkannten Leiter, garantieren.(...)Ich fragte: sind da alle therapeutischen Maßnamen versucht worden? Daraufhin gab mir Lohnauer die Versicherung.“(Quelle: *** Der Link ist nur für Mitglieder sichtbar, zum Login. ***)
Dies verharmlost die Tat, denn die systematische Ermordung tausender Menschen ist keinesfalls mit Gewährung des Gnadentodes für einige unheilbar Kranke zu umschreiben, enthält falsche Angaben, denn die Auswahl der Patienten erfolgte ohne Ansicht des Patienten und nach einem einzelnen DIN A-4-Formular und verdeutlicht Verdrängung der Schuld durch die Plädierung auf die vermeidliche Legalität der Tat und die eigene Unwissenheit. Die Verharmlosung der Tat ist charakteristisch, da eine weniger schwere Tat auch weniger Schuld nach sich zieht.
In Andorra sagt ein Soldat, der Andri diskriminierte und abführte später: „Ich habe nur meinen Dienst getan. Order ist Order.“(S. 58 Z.8f) Damit verdeutlicht der Autor die vermeidliche Legetimation durch den reinen Gehorsam. Dies hat den Vorteil das man die Schuld „nach oben“ schieben kann.
Pauline K. , eine Krankenschwester, die an der zweiten Mordphase in Hadamar beteiligt war, argumentiert, wie viele andere, sie habe ja nicht die Entscheidungsgewalt gehabt: „Als drittes, dass ich des Mordes angeklagt werde, bitte ich das Gericht um Gerechtigkeit! Man kann mich unmöglich verantwortlich machen, für diese Gesetze des Dritten Reiches, dass dessen Bestimmungen nicht vollkommen waren, ist schließlich nicht Sache einer Schwester“(Quelle: *** Der Link ist nur für Mitglieder sichtbar, zum Login. ***)
Bei beiden Aussagen ist jedoch zu beachten, dass sie bei Gerichtsverfahren gegeben wurden, bei denen Aussicht auf Strafe, teilweise auch auf Todesstrafe bestand.
Beachten muss man auch den Unterschied zwischen unbewusster Verdrängung und bewusster Täuschung oder Lüge.
Sowohl Bodo Gorgass, als auch Pauline K. wurden vorzeitig begnadigt. Dies zeigt einen weiteren Aspekt der Schuldverdrängung. Den Versuch zu vergessen, einen „Schlussstrich“ unter die Sache zu ziehen. Auch diesen greift Max Frisch in seinem Drama auf: „Einmal muss man auch vergessen können, finde ich.“ (Seite 89 Zeile 12)
Auch die komplette Verdrängung einer (Straf-)Tat kommt vor.
Schuldverdrängung ist ein Prinzip, das bei allen Formen von Schuld vorkommt und erkennbar ist. Die oben genannten Strategien sollten nicht als bewusste Lügen aufgefasst werden, sondern als wirklich unbewusste Reaktion auf das Schuldgefühl. Um dies zu verstehen und zu durchschauen sind Psychologen notwendig.
Generell gleichen sich die Strategien des Dramas und der NS-Zeit in weiten Teilen. Auch im „normalen Leben“ lassen sie sich erkennen. Wo erkennt ihr sie?
Antonia
 
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Re: 7.b) Strategien der Schuldverdrängung

Beitragvon Sebi Tschinke » 27. Feb 2013, 16:46

Also Antonia......
Dein Bericht über Schuldverdrängung ist extrem gut, nahezu perfekt.

Ich habe nur zwei kleine Fragen:
1. Wer oder was ist Freud?
2. Wie lange hast du für diese Arbeit gebraucht? (Mir ist schon beim lesen fast schwindelig geworden.) ;)

Dein Text war für mich sehr verständlich, informativ und übersichtlich geschrieben. Eine klasse Leistung von dir. Mir haben deine Beispiele zu den einzelnen Strategien der Schuldv. sehr gut gefallen (auch historische Hintergründe) . Ich find, dass manche Strategien zur Schuldv. dem Sündenbock-Prinzip ähneln.
Zu deiner letzten Frage sind mir auch schon ein paar Beispiele eingefallen.

Gruß, Sebi
Sebi Tschinke
 
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Re: 7.b) Strategien der Schuldverdrängung

Beitragvon Julia » 27. Feb 2013, 22:46

Antonia,
ich stimme Sebi zu, du hast den Text richtig gut
geschrieben. An manchen Stellen fand ich ihn auch
ein wenig unverständlch.Dein Text hat sehr viele Informationen
und man sieht, dass du sehr viel Mühe und
Zeit darein gesteckt hast.
Insgesamt ist es echt eine gute Leistung und es gibt eigentlich
keine Stelle, an der ich etwas verändern würde :)
Julia
 
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Re: 7.b) Strategien der Schuldverdrängung

Beitragvon Nils » 2. Mär 2013, 22:03

Sebi Tschinke hat geschrieben:Ich finde, dass manche Strategien zur Schuldv. dem Sündenbock-Prinzip ähneln.

Wird wohl daran liegen, dass wir einen Sündnebock brauchen, um Schuld "von uns zu weisen" oder eben zu verdrängen.


Antonia hat geschrieben:In Andorra sagt ein Soldat, der Andri diskriminierte und abführte später: „Ich habe nur meinen Dienst getan. Order ist Order.“(S. 58 Z.8f) Damit verdeutlicht der Autor die vermeidliche Legetimation durch den reinen Gehorsam. Dies hat den Vorteil das man die Schuld „nach oben“ schieben kann.

Mit dieser Aussage kann sich der Soldat nicht "schuldfrei sprechen". Denn hätte er sich an die "erste" Order bzw. das Credo der Kasernen "Lieber tot als Untertan" gehalten, sich nach dem Motto "In unserem Lexikon gibt es ein Wort überhaupt nicht, das Wort Kapitulation. Ich wünsche nicht den Kampf. Wenn er mir jemals aber aufgezwungen wird, dann werde ich ihn führen solange in mir auch nur ein Atemzug lebendig ist. Und ich kann ihn heute führen, weil ich weiß, dass hinter mir das ganze Andorranische Volk steht!", hätten die "Schwarzen" Andorra ja gar nicht erst erobert, und Andri wäre einen für seine Lage natürlichen Tod - wie z.B. Steinigung - gestorben.


Ansonsten natürlich wie immer ein inhaltlich und stilistisch einwandfreier Text. Viel geschichtlicher Hintergrund und eine gute, ausführliche Definition. Ein bischen zu viele Zitate, aber das ist wohl Ansichtssache.
Nils
 
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Re: 7.b) Strategien der Schuldverdrängung

Beitragvon Rosa » 7. Mär 2013, 16:10

Hey Tona,
ich finde deinen Text sehr gut! Du hast gut und ausführlich des Thema Schuldverdrängung beschrieben.
Man merkt deutlich, dass du dich mit deinem Thema lange und ausführlich auseinander gesetzt hast.
Du hast nicht nur viele Bezüge zu dem Buch Andorra hergestellt, sondern auch einiges über z.B.
Hadamar geschrieben. Das ist toll.
In Bezug auf die Zitate, die du verwendest hast, stimme ich Nils nicht zu. Meiner Meinung nach, ist es
so, wie du es gemacht hast sehr gut.
Vielleicht solltest du aber doch noch kurz erklären, wer Freud ist.
Vor allem finde ich es gut, dass du am Ende noch einmal alles grob zusammengefasst hast ("Schuldverdrängung
ist ein Prinzip, das bei allen Formen von Schuld vorkommt und erkennbar ist.") und eine
Frage gestellt hast, die einem zum Nachdenken anregt. :D
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Re: 7.b) Strategien der Schuldverdrängung

Beitragvon ben0901 » 7. Mär 2013, 16:53

Antonia,
mir hat dein Text sehr gut gefallen, da du ihn sehr verständlich geschrieben hast. Ich fand es sehr gelungen, dass du das Beispiel Hadamar mit einbezogen hast, denn dadurch konnte ich deinen Text besser nachvollziehen. Man bemerkt beim Lesen, dass du dich mit diesem Thema sehr auseinandergesetzt hast.
ben0901
 
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Re: 7.b) Strategien der Schuldverdrängung

Beitragvon Jan-Erik » 7. Mär 2013, 16:56

Ich finde den Text auch sehr gut, da du auch mit Fachbegriffen gearbeitet hast.
Außerdem hast du auch gut die geschichtlichen Hintergründe geschrieben.
Ich
Nils hat geschrieben:
Sebi Tschinke hat geschrieben:Ich finde, dass manche Strategien zur Schuldv. dem Sündenbock-Prinzip ähneln.

Wird wohl daran liegen, dass wir einen Sündenbock brauchen, um Schuld "von uns zu weisen" oder eben zu verdrängen.

Ich denke auch das es daran liegt.
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Re: 7.b) Strategien der Schuldverdrängung

Beitragvon Feyza Yildiz » 7. Mär 2013, 17:10

hey Tona!!
Wie immer ist dein Text sehr gut geschrieben und sehr informativ ;)
Ich stimme Rosa und Julia zu. Man merkt, dass du dich mit dem Thema intensiv auseinander gesetzt hast.
Außerdem finde es eine gute Idee viele Zitate einzubauen, da es dir somit wahrscheinlich auch leichter gefallen ist, an manchen Stellen deine Argumente zu begründen.Vielleicht hättest du manche Begriffe näher erläutern können, wie zum Beispiel "Plädierung".
sonst, alles sehr sehr gut :)


An Rosa und Sebi: Sigmund Freud war ein österreichischer Psychologe :)

zum Inhalt: - gut, dass du die Zitate von Bodo Gorgass und Pauline K. genommen hast
-es stimmt, viele Menschen versuchen dadurch, dass sie Fehler von anderen hervorheben, ihre eigene Schuld zu verdrängen.
zu deiner Frage -->Bsp.: Ein Schüler war an einem Tag nicht in der Schule und hat sich nicht bei seinen Freunden über die Hausaufgaben erkundigt. Am nächsten Tag, als der Lehrer nach den Hausaufgaben fragte, sagte der Schüler: "ich war gestern krank und meine Freunde haben mir nichts gesagt. Ich kann nichts dafür."
Hier versucht der Schüler die Schuld auf seine Klassenkameraden zu schieben, obwohl er selber für seine Hausaufgaben zuständig ist.
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Re: 7.b) Strategien der Schuldverdrängung

Beitragvon Jaclyn » 7. Mär 2013, 18:30

Antonia,

dein Text ist ausführlich, informativ und sehr gut geschrieben.
Du hast dich wirklich mit dem Thema auseinander gesetzt und man merkt, dass du es auch verstanden hast.
Meiner Meinung nach ist es dir gut gelungen Hadamar miteinzubeziehen, da der Ausflug erst vor Kurzem stattgefunden hat und es zum Thema passt.
Am Anfang hättest du jedoch erwähnen sollen, wer ''Freud'' ist.
Du hast deinen Beitrag auf das Buch bezogen und diese Textstellen mit Seiten- und Zeigelangabe bennant. :)
Ich konnte alles verstehen und auch nachvollziehen.
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Re: 7.b) Strategien der Schuldverdrängung

Beitragvon Joshua Welford » 7. Mär 2013, 19:04

ntonia,

dein Text ist Perfect und wär ich ein Lehrer würde ich dir eine 1 geben. ;)
Es ist informativ, gut geschrieben und du hast viele gute Beispiele mit rein gebracht.
Z.B. Als du von den Ärtzten in Hadamar berichtet hast. Das fand ich toll und da wir als KLasse vor kurzem dort gewesen sind, konnten sich bestimmt viele an die Ärtzte erinnern.
Wie gesagt, du hättest erwähnen können wer "Freud" ist, aber ansonsten war es ein super Text. Gute Arbeit!
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